Wie Karakulschafe mein Leben veränderten

Schafe laufen über eine Straße. © aboutpixel.de/captnkirk

Die Sonne hatte Mut gefasst und schien warm und rein vom blaulackierten Himmel. Ich rief meine alte Freundin Marthe an und fragte, ob sie Zeit und Lust hätte für einen Spaziergang. So schlenderten wir träge plaudernd am Paul-Lincke-Ufer entlang, begleitet von Kreuzberger Tagedieben und Radfahrern, vorbei an Boulespielern, Liebespaaren, Müttern mit Kinderwagen, Studenten und betrunkenen Obdachlosen.

Wir schwatzten über dieses und jenes wichtig Fundamentale und Bedeutsame dieser Welt – über Autos, Tapetenmuster, ganz und gar ausführlich über die uns unverständliche Mode der fehlenden Schnürsenkel in Turnschuhen und sogar über Außenpolitik. Alles war in diesem Moment gut, richtig und rund – wir schlenderten. Marthe plauschte gedankenverloren, sie habe kürzlich eine Fernsehsendung angeschaut, die als Thema eine zwar überraschende, aber durchaus bestehende innere Wechselbeziehung von Schafen und Weltpolitik hatte.

Plötzlich erinnerte ich mich an ein Buch, das ich als Kind gelesen hatte. Eigentlich war ich wohl zu dieser Zeit schon nicht mehr richtig Kind, sondern befand ich mich bereits in der Zwischenzeit der ersten Irritationen über mich und über die Welt, die mich umgab, über  merkwürdige, unerklärliche Zustände meiner Umgebung, die so beunruhigend und so besorgniserregend und so sehr anstrengend waren.

Ich kann mich weder an den Titel des Buches erinnern noch an den Namen des Autors oder gar an die Buchgestaltung, aber ich kann mich sehr gut an die Geschichte erinnern: Es ging um einen Jungen in Südafrika, der mit seinem Vater auf einer Farm lebte, auf der Karakulschafe gezüchtet wurden. Dieser Junge mochte ein Mädchen sehr gern, das kürzlich mit seiner Familie zugezogen war. Das Mädchen trug ein Kleidungsstück, das Sari genannt wurde – ein komischer Name, fand ich damals. Der Vater des Jungen wollte  jedoch nicht, dass die beiden Kontakt miteinander hatten. Das fand ich höchst erstaunlich, denn der Vater wollte es nur deshalb, weil das Mädchen eine dunkle Hautfarbe hatte. Eine dunkle Hautfarbe. In heißen Sommertagen bekam auch ich immer eine sehr dunkelbraune Haut  – und nun las ich, dass das ein Problem sein konnte.

Ich fühlte deutlich, dass mir hier, in diesem Buch, etwas ganz Neues, Ungeheuerliches, Empörendes erzählt wurde – dies war nicht eine Geschichte wie meine heißgeliebten „Hanni und Nanni“-Bücher, sondern der Erzähler dieser zarten Liebesgeschichte wollte mir etwas sagen, etwas Wichtiges – ohne aufdringlich zu sein, ohne erhobenen Zeigefinger, sondern ganz leise und zurückhaltend. Umso mehr war ich verstört und beunruhigt über das, was ich da gelesen, aber noch nicht verstanden hatte.

Mit diesem Buch kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Art von Unrecht in Berührung, das über mein eigenes Erleben hinausging. Ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte im Buch ausgeht. Was ich damals jedoch durch dieses Kinderbuch erfahren habe, bestimmt bis heute meinen Blick auf die Welt mit.