Wie Karakulschafe mein Leben veränderten

Schafe laufen über eine Straße. © aboutpixel.de/captnkirk

Die Sonne hatte Mut gefasst und schien warm und rein vom blaulackierten Himmel. Ich rief meine alte Freundin Marthe an und fragte, ob sie Zeit und Lust hätte für einen Spaziergang. So schlenderten wir träge plaudernd am Paul-Lincke-Ufer entlang, begleitet von Kreuzberger Tagedieben und Radfahrern, vorbei an Boulespielern, Liebespaaren, Müttern mit Kinderwagen, Studenten und betrunkenen Obdachlosen.

Wir plauderten über dieses und jenes Fundamentale und Bedeutsame dieser Welt, über Automodelle, Tapetenmuster, ganz ausführlich über die uns unverständliche Mode von fehlenden Schnürsenkeln in Turnschuhen und sogar über Außenpolitik. Alles fühlte sich in diesem Moment gut, richtig und rund an – wir schlenderten und Marthe plauderte, sie habe kürzlich eine Fernsehsendung angeschaut, deren Thema die zwar überraschende, aber durchaus bestehende innere Wechselbeziehung von Schafen und Weltpolitik war.

Plötzlich erinnerte ich mich an ein Buch, das ich als Kind, Anfang der siebziger Jahre, gelesen hatte. Eigentlich war ich wohl zu dieser Zeit schon nicht mehr richtig Kind, eher schon befand ich mich in dieser Zwischenzeit der ersten Irritation über mich und der Welt, die mich umgab, über diese merkwürdigen, unerklärlichen Zustände meiner Umgebung, beunruhigend und besorgniserregend und sehr anstrengend.

Ich kann mich weder an den Titel des Buches erinnern, noch an den Namen des Autors oder gar an die Umschlaggestaltung, aber ich kann mich sehr gut an die Geschichte erinnern: Es ging um einen Jungen in Südafrika, der mit seinem Vater auf einer Farm lebte, auf der Karakulschafe gezüchtet wurden. Dieser Junge mochte ein Mädchen sehr gern, das kürzlich mit seiner Familie zugezogen war. Das Mädchen trug ein Kleidungsstück, das Sari genannt wurde – ein komischer Name, fand ich damals. Der Vater des Jungen verurteilte die Sympathie seines Sohnes für das Mädchen und wollte nicht, dass die beiden Kontakt miteinander hatten. Der Vater wollte es nur deshalb nicht, weil das Mädchen eine dunkle Hautfarbe hatte. Auch ich hatte im Sommer eine dunkelbraune Haut und nun erfuhr ich, dass dies ein Problem sein konnte.

Ich fühlte deutlich, dass mir hier, in diesem Buch, etwas Neues, Ungeheuerliches, Empörendes von dem Autor erzählt wurde – dies war nicht eine Geschichte wie in meinen heißgeliebten „Hanni und Nanni“-Büchern, sondern der Erzähler dieser zarten Liebesgeschichte wollte mir etwas Anderes sagen, etwas Wichtiges – ohne aufdringlich zu sein, ohne erhobenen Zeigefinger, sondern leise und zurückhaltend. Umso mehr war ich verstört und beunruhigt über das, was ich da gelesen, aber noch nicht verstanden hatte.

Mit diesem Buch kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Art von Unrecht in Berührung, das über mein eigenes Erleben hinausging. Ich weiß nicht mehr, wie die Geschichte im Buch ausgeht. Aber was ich damals durch dieses Kinderbuch erfahren habe, bestimmt bis heute meinen Blick auf die Welt.