Sprache zwischen Gut und Böse: der Euphemismus

Manchmal ist der Grad zwischen Taktlosigkeit und Ehrlichkeit sehr schmal. Viele haben wohl schon die Erfahrung gemacht, dass schon ein kleiner sprachlicher Fehlgriff zu Unstimmigkeiten und Missvergnügen führen kann. Deshalb stehen wir im Alltag oft vor der Frage, ob wir unseren Mitmenschen die schonungslose Wahrheit, eine taktvolle Halbwahrheit oder gar eine satte Lüge sagen wollen.

Die sprachliche Bezeichnung der Abteilung „taktvolle Halbwahrheit“ wird als Euphemismus bezeichnet. Obwohl euphemistische Ausdrücke dazu da sind, uns, unsere Taten und unsere Welt schöner, liebenswerter, besser, einfacher und vor allem erträglicher zu machen, sind sie gar nicht gut beleumundet.

Das ist bedauerlich, denn Euphemismen sind sehr interessant. Ein Euphemismus besitzt nämlich die erstaunliche sprachliche Kraft, grammatisch einerseits Fakt und Wunsch eindeutig zu bezeichnen und gleichzeitig semantisch Fakt und Wunsch in eine Sphäre des Ungefähren zu verschieben.

Ein Euphemismus wandelt eine Tatsachenbeschreibung immer auch in etwas Weiches, Geschmeidiges und Unbestimmteres um. Dies geschieht aber nicht etwa dadurch, dass etwas verschwiegen oder ausgelassen wird. Das wäre dann ein „Tabu“ – etwas „Unaussprechliches“ (wobei sich schon viele die Frage gestellt haben, ob es so etwas überhaupt gibt). Nein, Euphemismen unterdrücken, verschweigen oder verdrehen nicht, so wie bei einer Unwahrheit – fällt Ihnen hier etwas auf? –,  sondern sie nennen und bezeichnen sehr wohl das, was ist. Euphemismen werfen einen milden Buchstabenschleier über einen Sachverhalt und machen durch mannigfaltige Umschreibungen so manches eigentlich Unerträgliche erträglich, gar manchmal amüsant und gar unterhaltsam.

So manches Mal aber – und das soll nicht verschwiegen werden – verschleiern und verdecken Euphemismus doch auch das, was ist und unbedingt auch ohne Umschweife zu benennen wäre. Deshalb kann er sich bei all seiner sprachlichen Mannigfaltigkeit nicht des Vorwurfs erwehren, dass bei ihm so manches Mal die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge zu unscharf verläuft – und dies nehmen ihm auch so manche übel.

Euphemistische Ausdrücke rühren sicherlich daher, weil wir Menschen in unserer Kommunikation ständig darum bemüht sind, Konsens und Harmonie herzustellen. Dies gelingt uns auch in unserer gemeinsamen Alltagskommunikation erstaunlich gut. Und zu diesem Gelingen der sprachlichen Kommunikation tragen ganz wesentlich auch Euphemismen bei.